Seit August 2008 leitet Willi Paul das ABB-Konzernforschungszentrum in Dättwil. Sein Ziel ist es, Forscher besser mit Entwicklern in den lokalen Business Units zu vernetzen. Persönliche Beziehungen sollen das vorhandene Wissen gewinnbringend bündeln.
CampusLine: Herr Paul, sind Sie ein neugieriger Mensch?
Willi Paul: Oh ja, natürlich (lacht). In der Forschung ist die Neugierde ein starker Motivator, und mich interessiert grundsätzlich, wie die Dinge zusammenhängen.
Vom Forschungszentrum in Dättwil wechselten Sie ins globale Produktmanagement der Hochspannungstechnik. Jetzt kommen Sie als Leiter wieder zurück. Wie hat Sie Ihre operative Tätigkeit in einer Business Unit beeinflusst?
Von meiner globalen Tätigkeit nehme ich zum einen mit, dass ein Team nur dann effizient zusammenarbeiten kann, wenn persönliche Beziehungen bestehen und man über diese Kontakte mit den lokalen Business Units verbunden ist. Man sollte sich nicht scheuen, das Telefon in die Hand zu nehmen und nachzufragen, nur so kommt man schnell zu klaren Antworten. Zum anderen habe ich in meiner operativen Tätigkeit schätzen gelernt, wenn die Forschung auch in die Entwicklungsarbeiten der Geschäftsbereiche involviert ist. Im Forschungszentrum arbeiten wir ja hauptsächlich an der übernächsten Produktgeneration, die lokalen Units eher an der nächsten Generation. Eine von uns entwickelte Technologie geben wir für die Produktentwicklung an die Geschäftsbereiche weiter. Meiner Meinung nach muss die Forschung im Allgemeinen auch hier weiter mitarbeiten, um einen nahtlosen Wissenstransfer sicherzustellen.
Innovation ist der Lebensnerv eines Technologieunternehmens. Welche Forschungsschwerpunkte wollen Sie setzen?
Wir sind in Dättwil in die globale Konzernorganisation eingebunden, die bestens aufgestellt ist, international gut im Team zusammenarbeitet und eine solide Strategie verfolgt. Inhaltlich beschäftigen wir uns weiterhin mit den relevanten Themen wie Schalter- und Lichtbogentechnik, Isolation oder Materialwissenschaft. Zunehmen werden allerdings die Applikationen für Leistungshalbleiter sowie der Schutz und die Kontrolle von immer intelligenteren Stromübertragungs- und -verteilnetzen.
Und Ihre lokale Strategie in Dättwil?
Unser Fokus ist, zu 100 Prozent auf den Mensch zu setzen. Bei uns arbeiten 150 Wissenschafter aus rund 30 Nationen. Wir wollen ein kulturell vielfältiges, innovatives Umfeld schaffen, damit wir die besten Forscher mit Topideen anziehen und halten können. In einer kreativen Atmosphäre motiviert sich der Wissenschafter selbst, die Resultate kommen fast automatisch – was wiederum unsere Attraktivität steigert. Unser Vorteil ist, dass die Schweiz als guter Arbeitsort gilt.
Kann Unternehmensforschung überhaupt völlig neue Ansätze hervorbringen, oder sind es eher Verbesserungen von bekannten Technologien?
In Dättwil betreiben wir im Wesentlichen angewandte Forschung. Wir helfen den lokalen Business Units, bestehende Produkte kontinuierlich zu optimieren. Zum zweiten greifen wir Entwicklungen in anderen Gebieten oder neue Technologien, die an den Hochschulen erforscht wurden, auf und wenden sie in unseren Produkten an. Schöne Beispiele dafür sind etwa der neue Generatorschalter, der mit einer Heatpipe gekühlt wird, oder der optische Stromsensor.
Auf welchem Gebiet werden gerade die erfolgversprechendsten Versuche gemacht?
Sehr dynamisch ist unsere Arbeit in der Halbleitertechnologie, sie wird wohl die meisten Veränderungen mit sich bringen. In der Antriebstechnik und Gleichstromübertragung wird Leistungselektronik bereits gewinnbringend zur Reduktion von Verlusten eingesetzt. Jetzt arbeitet man darauf hin, beispielsweise Transformatoren durch Halbleiter zu ersetzen, um Gewicht und Volumen zu sparen. Erste Anwendungen könnten bereits in ein paar Jahren auf den Markt kommen.
Wenn Sie sich Ihren Lebenstraum in der Forschung erfüllen könnten?
Zwei Gebiete der Physik, Gravitation und die Quantenphysik, lassen sich noch immer nicht durch eine einheitliche Theorie beschreiben. Hunderte von Physikern arbeiten an einer solchen Theorie. Mein Traum ist, dass sie dieses Ziel noch zu meinen Lebzeiten erreichen, und ich dann das Resultat auch noch verstehe (schmunzelt).